SailorsWorld Der Traum vom grossen Teich   
Der Traum vom grossen Teich 27-11-2009
Der Traum von der großen Überfahrt
Oettingen Vom Trubel der Adventszeit im Ries wird Hans-Uwe Reckefuß in diesem Jahr nichts mitbekommen. Zu weit ist er weg. Am 22. November beginnt vor Gran Canaria die „Atlantic Rallye for Cruisers“ - mit dem 64-jährigen Hobbysegler aus Oettingen und seinem Sohn Thomas (29) . Geht alles nach Plan, läuft ihr Schiff kurz vor Weihnachten im Zielhafen auf der Karibikinsel Saint Lucia ein.

„Regattasegeln war nicht mein großes Ziel, aber mal eine längere Strecke zu segeln, so was steckt immer im Hinterkopf“, sagt Hans-Uwe Reckefuß. Und die 2800 Seemeilen lange Fahrt von Las Palmas in die Rodney Bay auf Saint Lucia sei „eines der letzten Erlebnisse, die man sich als normaler Segler erlauben kann“. Jedes Jahr im Spätherbst hat Reckefuß, der in Bad Oeynhausen in Ostwestfalen aufwuchs und seit 1997 in Oettingen zu Hause ist, aus der Ferne und mit Wehmut den seit 1986 angebotenen Wettbewerb des englischen World Cruising Clubs verfolgt.

2009 war die Gelegenheit günstig, die Idee aus dem Hinterkopf zu holen und in eine Teilnahme zu verwandeln - vor allem dank Thomas Reckefuß. „Mein ältester Sohn, der sich vom Segel-Virus anstecken ließ, hat gerade sein Studium zum Schiffsbau-Ingenieur abgeschlossen, und bevor er zu arbeiten beginnt, bietet es sich an, bei der Überfahrt mitzumachen. Thomas hat mich dazu gedrängt“, sagt Hans-Uwe Reckefuß. Der Vater hatte ebenfalls Zeit, er arbeitete früher für den Computer-Konzern IBM und ist jetzt im Ruhestand.

Kein „Kaffeesegeln“

Vater und Sohn Reckefuß wissen, dass sie etwas anderes erwartet, als sie bisher als Segler erlebt haben. Im Mittelmeer waren sie oft unterwegs, von Mallorca aus, wo ihr zwölf Meter langes Boot das Jahr über ankert. Anspruchsvoll sei auch das Segeln entlang der südeuropäischen Küsten. „Es gibt Leute, die sagen, das ist Kaffeesegeln, aber diese Leute wundern sich dann. Der Golf von Lyon gehört zu den sturmreichsten Gegenden der Welt. Das Mittelmeer ist nicht zu verachten.“

Neue Erfahrung

Doch die Erfahrung, über viele Tage keinen Hafen anzulaufen, fehlt Reckefuß. „Es ist ein großer Unterschied zwischen Urlaubssegeln und Fahrtensegeln. Im Urlaub fährt man wohin, wirft Anker, geht an Land, während man beim Fahrtensegeln, wenn man es vernünftig macht, nachts eine Wache haben muss. Man schläft während des Fahrens, man stoppt ja nicht, das Schiff bewegt sich, es geht immer weiter.“ 20 und 30 Tage, so schätzen die beiden Segler, werden sie auf ihrem Weg in die Karibik auf hoher See sein.

Das erfordert eine ganz andere Planung als ein Wochenend-Segeltörn unweit des Festlandes. Etwa 15 Kanister mit Trinkwasser werden sie mitführen.

Hinzu kommen haltbare Lebensmittel, wie Tütensuppen, Brotbackmischungen, Tiefgefrorenes, denn ein Eisschrank ist an Bord, doch auch auf Frisches wollen die beiden Segler nicht verzichten. „Obst hält ja eine Weile. Außerdem werden wir unterwegs angeln, frischer Fisch muss schon mal sein.“

Gut ausgestattet wird das Segelboot der Familie Reckefuß außerdem mit elektronischen Geräten sein. Das Thema Sicherheit schreibt der Veranstalter groß. Als „freundschaftlicher Wettbewerb für Fahrtensegler, die den Atlantik in sicherer Gemeinschaft überqueren wollen“, preist der World Cruising Club die Rallye von Gran Canaria nach Saint Lucia an, und die Vorsicht ist nicht unbegründet. „Die Hurrikans entwickeln sich genau auf dieser Strecke“, weiß Hans-Uwe Reckfuß. „Die Stürme kommen von Afrika und entladen sich in der Karibik.“ Allerdings nicht mehr in den letzten Herbstwochen, weshalb die Veranstaltung auch so spät im Jahr ausgetragen wird. „Da ist die Hurrikan-Zeit vorbei.“

225 Boote

Normale Stürme und Gewitter sind aber nicht auszuschließen, und so bleiben die insgesamt 225 Boote der Rallye, die in unterschiedlichen Klassen starten, miteinander und mit dem Veranstalter täglich über Funk in Kontakt. Hilfe im Notfall bieten auch andere Schiffe, die zu jeder Zeit im Atlantik unterwegs sind - ob Frachter oder Kreuzschiff. Es herrsche dort relativ viel Verkehr.

Schwieriger als unter den Bootsfahrern dürfte die Kommunikation in die Heimat, zu den anderen Familienmitgliedern in Oettingen werden. „Handy geht nicht, nur Kurzwelle, aber das ist unsicher. Sprachkontakt ist mehr oder minder schwierig“, sagt Hans-Uwe Reckefuß. „E-Mail geht über Kurzwelle, das ist ein Vorteil, aber nicht in DSL-Geschwindigkeit.“

Spätestens nach der Ankunft auf Saint Lucia wird die Familie von den Erlebnissen auf See erfahren. Auf der Antilleninsel wollen sie sich treffen, der Flug von Deutschland für die Frau von Hans-Uwe Reckefuß und die anderen Kinder ist gebucht. „Weihnachten werden wir in diesem Jahr in der Karibik feiern“, sagt Hans-Uwe Reckefuß. Kurz nach Neujahr reisen alle mit dem Flieger zurück nach Deutschland, ehe Vater Reckefuß im Frühjahr nächsten Jahres wieder auf Saint Lucia landet, um dann sein Boot auf der nordatlantischen Route nach Mallorca heimzuholen.
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