SailorsWorld Lawine im Mittelmeer   
Lawine im Mittelmeer 01-01-2009
Lawinengefahr im Mittelmeer
Die Katastrophe von Messina am 28.12.1908 war beispiellos in Europa - Wissenschafter glauben, dass ein gigantischer Erdrutsch die Hauptursache der zerstörerischen Sturzwellen war.

Es muss ein schönes Weihnachtsfest gewesen sein vor 100 Jahren in der sizilianischen Stadt Messina. Im alten Dom wurde die Mette zelebriert. Und an der Palazzata, der schmucken Hafenpromenade, genossen zahllose Menschen eine milde Mittelmeerbrise. Doch im Morgengrauen des 28. Dezember 1908 war es mit dem Frieden vorbei, eine der schlimmsten Katastrophe aller Zeiten brach los.
Um 5.21 Uhr riss ein schweres Erdbeben die Bewohner Siziliens aus dem Schlaf. Viele flüchteten unter einstürzenden Trümmern ins Freie. Dort nahm die Katastrophe ihren Lauf: Haushohe Wassermassen rauschten durch die Straßen, rissen alles mit, Häuser wurden zerquetscht wie Spielzeug. Mehr als 60.000 Menschen an den Küsten Süditaliens kamen ums Leben, die meisten auf Sizilien.

Der Jahrestag sollte nach Ansicht von Geoforschern nicht allein dem Gedenken der Opfer dienen - er sollte zugleich eine Warnung sein. Denn jederzeit könnten Erdbeben und Tsunamis die Küsten des Mittelmeeres treffen.

Seismologen um Andrea Billi von der Universität Rom haben die Ereignisse vom 28. Dezember 1908 rekonstruiert. Die Geoforscher meinen, nun den wahren Auslöser der vernichtenden Tsunamis von vor 100 Jahren gefunden zu haben.

Nicht das Seebeben - wie bisher angenommen - habe die Wellen losgetreten. Vielmehr habe eine gewaltige untermeerische Lawine die Tsunamis verursacht, berichteten sie soeben auf der Jahrestagung der Amerikanischen Geophysikalischen Union in San Francisco. Das Beben habe sich nur indirekt ausgewirkt, indem es die Geröllmassen von einem Unterseeberg geschüttelt habe.

Das Ergebnis erhöht die Besorgnis am Mittelmeer. Denn Unterwasserlawinen könnten demnach häufiger Tsunamis auslösen als angenommen.

Für ihre Rekonstruktion der Ereignisse von vor 100 Jahren haben die Seismologen die Erdbebendaten der Katastrophe ausgewertet. Dabei zeigte sich, dass die Tsunamis andernorts ihren Ursprung nahmen als das Beben - ein klares Indiz dafür, dass sich eine Rutschung ereignet hat. Tatsächlich offenbarten Schallwellenaufnahmen des Meeresbodens am südlichen Eingang der Meeresenge von Messina die Spuren einer gewaltigen Lawine, berichten die Forscher. Dort seien Geröllmassen von einem Volumen von nahezu 8000 Cheops-Pyramiden in die Tiefe gestürzt - vermutlich nach dem Seebeben vor 100 Jahren.

Kein Ort ist sicher

Die Lawine versetzte das Meer in Wallung. Wie ein Stein, der in eine Pfütze fällt, warf sie Wellen auf. Mit 500 Stundenkilometer rasten diese aufs Land zu, berichtet Andrea Billi. Im Flachwasser wurden sie gebremst - und gestaucht.

Bis zu zehn Meter hoch türmten sich die Wasserwände an den Küsten Siziliens und Kalabriens. Bereits wenige Minuten nach der Rutschung krachten sie an die Küste und spülten gewaltige Wassermengen mit starker Strömung vor sich her. Aus den Fluten gab es kein Entkommen.

Die Städte Messina und Reggio di Calabria wurden von Wellen und Beben fast vollständig zerstört. Die Dome beider Städte stürzten ein, ebenso die byzantinische Basilika von Reggio. Von der imposanten Hafenpromenade Palazzata blieben nur Trümmer. Tausende Menschen lagen unter Steinmassen begraben, hunderttausende verloren ihr zu Hause.

Das Szenario einer Unterseelawine sei plausibel, meint Valerio Comerci vom Geologischen Dienst Italiens, die Erdbebenthese indes weitaus schlechter untermauert: Bislang sei am Meeresboden kein Bruch identifiziert worden, der die Tsunamis hätte auslösen können. Folglich komme eine Rutschung infrage.

Nicht nur Sizilien und Kalabrien sind bedroht. "Kein Ort am Mittelmeer ist sicher", sagt Stefano Tinti, Geophysiker an der Universität Bologna. Ein Konsortium europäischer Geoforschungsinstitute will bis 2011 ein Tsunamiwarnsystem für das Mittelmeer einrichten. Doch die Installation schreitet nur schleppend voran, das Geld für die Finanzierung der Geräte fehlt.

Seebeben im Mittelmeer können zwar binnen drei Minuten erkannt werden. "Wir dürfen uns aber nicht auf diese Messungen verlassen", sagt Tinti. Wie die Untersuchungen zu 1908 nun unterstreichen, können auch untermeerische Lawinen hohe Wellen aufwerfen. Das erschwert die Früherkennung, denn Erdbebensensoren scheiden als Detektoren meist aus - viele Rutschungen ereignen sich ohne vorhergehende Starkbeben.

Warnsignal

Um feststellen zu können, ob ein Tsunami droht, müssten dutzende Bojen und Wasserstandsmesser zwischen dem Bosporus und der Straße von Gibraltar installiert werden, fordert Tinti. Zudem müsse die Vulkanüberwachung verbessert werden. 2002 gab der Stromboli ein deutliches Warnsignal: Eine Flanke der vulkanischen Insel rutschte zum Schrecken der Bewohner ins Meer. Wären die Wellen etwas höher gewesen, hätte es wohl eine Katastrophe gegeben.

Besonders schwer zu überwachen sind Unterwasservulkane, im Mittelmeer brodeln hunderte, viele dürften noch unentdeckt sein. Zuweilen treiben Bimssteine an die Strände, ohne dass ein Ausbruch registriert worden ist.

Doch selbst wenn jeder Vulkan verkabelt würde wie ein Intensivpatient, wäre ein rechtzeitiger Tsunamialarm nicht garantiert. Denn viel Zeit für eine Warnung bleibt nicht - das Mittelmeer ist schmal. Flutwellen müssten binnen weniger Minuten erkannt werden. Ganz gleich, wo im Mittelmeer ein Tsunami entsteht, nach wenigen Minuten trifft er auf eine Küste. (Axel Bojanowski/DER STANDARD, Printausgabe, 31.12.2008/01.01.2009
 Copyright: DER STANDARD
© Copyright 2005 : Segelmagazin www.Sailorsworld.com