Die Entdeckung der Langsamkeit
Von Oliver Klempert
Das Rolex Middle Sea Race ist eine der schwierigsten Regatten im Mittelmeer. Erst recht, wenn kein Wind weht
So hatte man sich das an Bord der "Alegre" nicht vorgestellt: Am Mittwoch lief die Segelyacht vom Typ Mills 68 als erstes Schiff im Hafen von Marsamxett endlich wieder ein. Schiff und Crew hatten 44 Stunden zu viel gebraucht, um den Rekord zu brechen. George Davids "Rambler", ein topmoderner 90-Fuß-Racer aus den USA, hatte voriges Jahr den Rekord auf sagenhafte 47 Stunden, 55 Minuten und drei Sekunden heruntergeschraubt. Davon war man nun weiter entfernt, als man je gedacht hatte.
Kein Wunder: Die ganze Regatta über herrschte kaum Wind. Über weite Strecken dümpelten die Teilnehmer dem Ziel mit 2,5 Knoten Geschwindigkeit entgegen. Über Stunden war sogar überhaupt kein Wind vorhanden, sodass die Schiffe auf der Stelle standen - und man unter Deck die Skatkarten herausholte, "um das Denken zu stimulieren", wie es etwa von Bord der "Moneypenny" hieß, die das Ziel als zweites Schiff erreichte. Rasante Segelmanöver, wie sie im vorigen Jahr gefordert waren, wurden in diesem Jahr nicht notwendig.
Das Rolex Middle Sea Race bietet stets eine ganze Palette außergewöhnlicher Herausforderungen, vielleicht die größten für eine Hochseeregatta in Europa. Entweder weht zu viel Wind, so wie voriges Jahr, als über eineinhalb Tage Sturm herrschte oder eben viel zu wenig, wie dieses Jahr. So schaukelten die 77 Teilnehmerschiffe, darunter vier aus Deutschland, von Valletta bis Valletta auf Malta in diesem Jahr eher dem Ziel entgegen, als dass sie segelten.
Dabei ist der rund 607 Seemeilen lange Rundkurs, mehr als 1100 Kilometer von Malta aus rund um Sizilien, von nautischen und natürlichen Extremen nur so gespickt. Gleich zwei aktive Vulkane - der Ätna und der Stromboli - liegen entlang der Route. Strudel fordern immer wieder Kurskorrekturen. Stößt der Stromboli von Zeit zu Zeit heiße, giftige Schwefeldämpfe aus, so hat der auf dem nördlichen Teil der Insel gelegene Ätna noch anderes zu bieten: 2002 segelten die Teilnehmer des damaligen Middle Sea Race in der Dunkelheit durch die von Lavaströmen glühende Wasserstraße von Messina, die das italienische Festland von Sizilien trennt - ein Erlebnis, das niemand vergessen wird, der dabei war. Nicht umsonst will sich das Middle Sea Race auf Augenhöhe wissen mit spektakulären Rennen wie etwa dem Sydney-Hobart-Race. Das gilt als härteste Segelregatta der Welt und wird jährlich am zweiten Weihnachtstag zwischen Australien und Neuseeland ausgetragen.
Meer und Wind konnten den Image-Wunsch des Middle Sea Race nicht stützen, doch immerhin galten auch bei Flaute strenge Regeln: Wer das Zeitlimit überschritt und später als gestern um acht Uhr ankam, wurde sogar disqualifiziert. "Hat das Rennen nicht beendet", heißt es in den Statuten des Rennens dazu lapidar - wenig Wind hin oder her. "Wir hoffen zunächst einmal, überhaupt innerhalb des Zeitlimits ins Ziel zu kommen", stapelte der Bremer Jochen Orgelmann denn vor dem Start auch sehr tief. Orgelmann skipperte die neue "Bank von Bremen" der Segelkameradschaft "Das Wappen von Bremen". Auch er sagte nach Ankunft: "Soviel Flaute habe ich wirklich noch nie erlebt. Wir haben mehrfach für Stunden auf der Stelle gestanden mit 0,00 Knoten auf der digitalen Geschwindigkeitsanzeige. Das war furchtbar nervig." Die "Bank von Bremen" erreichte am Donnerstagvormittag um kurz vor zehn Uhr fast fünf Tage nach dem Start des 607-Seemeilen-Klassikers das Ziel. Immerhin sei die See dabei spiegelglatt gewesen, denn aufgrund des tagelangen Schwachwinds hatte sich jeglicher Schwell ausgelaufen. "Wir haben dann wenigstens ohne Geschaukel unsere Notration Rotwein genießen können", sagt Orgelmann.
Wenig oder gar kein Wind, das ist für Regattateilnehmer noch schlimmer als Sturm - man rettet sich in Galgenhumor. So hieß es von Bord der "Monterey", einer Sloop aus Bermuda, etwa: "Wir nutzen diese Regatta um Olivenbrot zu backen, die Pflanzen zu gießen, wir verbessern unsere Fähigkeiten, auf See Kaffee zu kochen, und natürlich haben wir die Eismaschine angeworfen - für unsere Longdrinks." Von der "Nisida" aus England kam eine lapidare E-Mail: "Wir haben den Anker griffbereit, falls der Wind einschläft."
Wenige Tage vor Regattaende dann das Kontrastprogramm: Ein lokaler Gewittersturm lässt das Wetter umschlagen - innerhalb von Minuten haben die Crews, teils völlig unvorbereitet, mit Windstärken von bis zu 55 Knoten zu kämpfen. So berichtet der Skipper der "Aziza", Sandro Musu, dass sein Schiff regelrecht vom Wind geboxt worden sei, bis sie die Segel endlich unten hatten. Segelmanöver im Gewittersturm, während man noch Boxershorts trägt, weil keine Zeit zum Umziehen blieb - das gibt es nicht allzu oft auf hoher See. Aber gerade Ende Oktober ist das Mittelmeer unberechenbar. Und das ist der Reiz des Middle Sea Race.
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