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Mittelmeer bedroht 13-11-2008
Athen, 12. NOVEMBER 2008

Mittelmeer bedroht

Forscher beklagt Versäumnisse in Europa
Tsunamis und Killerwellen bedrohen auch die Küsten des Mittelmeeres - aber hier gibt es kein Warnsystem. Experten sehen eine tickende Zeitbombe - das hat sie die Geschichte gelehrt.
Vier Jahre nach dem verheerenden Tsunami in Asien gibt es im Indischen Ozean jetzt ein funktionierendes Warnsystem für die gefährlichen Flutwellen - vor allem dank deutscher Wissenschaftler und Hilfsgelder. Die Menschen an den Küsten des Mittelmeeres dagegen, die ebenfalls von Tsunamis bedroht werden, sind immer noch schutzlos der Gefahr ausgeliefert.

Rückblende: Messina auf Sizilien, 28. Dezember 1908, 5.20 Uhr. Unendliche 37 Sekunden lang rüttelt ein Erdbeben die Stadt durch. Als es zu Ende ist, gleichen große Teile Messinas einem Trümmerfeld. Doch die eigentliche Katastrophe steht erst noch bevor: Aus der Meerenge von Messina rast eine gewaltige Flutwelle auf die Stadt zu. In Messina ertrinken 80 000 Menschen, im gegenüber liegenden Reggio di Calabria weitere 15 000.

Die Katastrophe, die vor hundert Jahren über Süditalien hereinbrach, kann sich überall am Mittelmeer jederzeit wiederholen - mit womöglich viel schlimmeren Folgen als damals. Manche Wissenschaftler setzen das Tsunami-Risiko im Mittelmeer sogar höher an als im Indischen Ozean. Aber während die Behörden dort Lehren aus der Flutkatastrophe vom Dezember 2004 gezogen haben, die 250 000 Menschenleben forderte, stehen die Küstenbewohner des Mittelmeeres und die Millionen Touristen, die seine Strände bevölkern, der drohenden Gefahr schutzlos gegenüber.

"Im Indischen Ozean haben wir in nur vier Jahren bei den Tsunami-Frühwarnsystemen unglaublich schnelle Fortschritte erzielt", sagt Professor Costas Synolakis, der sich an der Universität von Southern California in Los Angeles und an der Technischen Hochschule Kreta mit der Erforschung von Naturkatastrophen beschäftigt. Das sei vor allem den deutschen Wissenschaftlern zu verdanken, die in enger Zusammenarbeit mit den indonesischen Behörden "ganz hervorragende, alle Erwartungen übertreffende Arbeit geleistet" hätten, wie Synolakis sagt. Umso unverständlicher findet der Forscher die Versäumnisse in Europa: "Das Mittelmeer ist das einzige Seegebiet weltweit, das bisher überhaupt kein Warnsystem hat."

Dabei werden die Küsten des Mittelmeeres immer wieder von verheerenden Flutwellen heimgesucht: Um das Jahr 1650 vor unserer Zeitrechnung löste die Vulkanexplosion auf der griechischen Kykladeninsel Thera eine Flutwelle aus, die an den Küsten des östlichen Mittelmeeres 60 Meter hoch aufbrandete und nach Meinung mancher Wissenschaftler zum Untergang der minoischen Kultur auf Kreta führte.

365 verwüstete nach einem Beben bei Kreta ein Tsunami die Küsten zwischen Sizilien und Ägypten. Nach den überlieferten Quellen kamen allein in der Hafenstadt Alexandria 50 000 Menschen ums Leben.

1956 löste ein Erdbeben in der Ägäis eine Flutwelle aus, die auf Amorgos hunderte Häuser zerstörte und 53 Menschen in den Tod riss.

Kleinere Flutwellen ereignen sich im Mittelmeer durchschnittlich etwa alle 15 Jahre. Aber mindestens einmal in jedem Jahrhundert muss mit einer großen Flutwelle gerechnet werden, und alle paar hundert Jahre mit einer verheerenden Tsunami-Katastrophe, so Professor Synolakis. Eine "tickende Zeitbombe" sei vor allem der so genannte Hellenische Bogen, eine aktive Bruchzone in der Erdkruste, die vom östlichen Sizilien durch die Ägäis südlich um Kreta herum bis zur kleinasiatischen Küste verläuft. Hier schiebt sich die afrikanische Kontinentalplatte unter die europäische. Diese Verwerfung kann schwerste Erdbeben hervorbringen.

Im Mittelmeer stehen die Wissenschaftler vor einer besonderen Herausforderung: Weil es ein kleines Meer mit vielen Inseln ist, sind die Vorwarnzeiten kürzer als etwa im Pazifik oder im Indischen Ozean, wo Tsunamis oft tausende von Kilometern zurücklegen. Doch bisher gibt es nicht mal Ansätze eines Frühwarnsystems: keine Boje, kein Computer, keine Notfallplanung.
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