Ägäis 98 |
22.Törn |
| 18. Juli 98 bis 1. August 98 |
Samstag, 18. Juli 98
Viel Wind war im Vorjahr in den Nördlichen Sporaden ja nicht, aber für den Sommertörn dieses Jahres haben wir uns die Zentralägäis vorgenommen, die Kykladen, und da sollten die "Diener des Äolus", die Winde, vor allem der starke Meltemi, doch fleißiger sein und unser Schiff durch ihre Kraft heftiger und ausdauernder vorwärtsbewegen, als sie das voriges Jahr getan haben.
Die Crew der "Evelin G.", wie die Bavaria 38 heißt, die in der Marina von Kalamaki bei Athen auf uns wartet, sind vorerst auf dem Grazer Flughafen neben Skipper Bernhard und mir (Erich) Sophie Maria und Ewald In Wien wird noch unser alter Freund und Törngefährte Gerhard zu uns stoßen.
Es ist halb acht, wir treffen uns also - wie immer - überrechtzeitig am Flughafen, die Maschine nach Wien hebt pünktlich um 0850 ab. Vorher gibts noch Aufregung, denn Maria wird von der Sicherheitskontrolle wegen des langen Messers in ihrem Handgepäck zurückgewiesen. Unser Argument, wir können den steirischen Speck in Griechenland ja nicht mit dem Taschenfeitel schneiden, gilt nicht, also muß sie das Messer am Flughafen deponieren. Gerhard wartet natürlich schon in Schwechat, auch der Weiterflug verzögert sich nur unwesentlich, wir führen ja keine gefährlichen Waffen mehr mit uns. Der Flug in die griechische Hauptstadt verläuft reibungslos, hat also auch keiner der Mitreisenden seine gefährlichen Messer durchschmuggeln können.
In Athen ist unser Gepäck gleich gefunden, zwei Taxis sind auch bald aufgetrieben, obwohl Hunderte von Fluggästen die gelben Wagen belagern, und im Nu sind wir in Kalamaki, dem Yachthafen nur wenige Kilometer südöstlich von Athen. Das Schiff haben wir in einer halben Stunde übernommen, es ist kein Grund zur Beanstandung unsererseits gegeben, die vorbestellten Lebensmittel werden ebenso flott angeliefert, kein Grund, noch länger hier in der lauten Marina liegenzubleiben.
Wir haben natürlich für diesen Fall vorgesorgt und ein nahes Ziel ausgesucht, wo wir in Ruhe unsere Habseligkeiten aus- bzw. einräumen können, wo die "Neuen" (also nur Ewald, denn die anderen haben ja schon alle "Törnerfahrung") sich eingewöhnen können, wo wir erste Kontakte zu den Eingeborenen knüpfen können ... Nach zwei Motorstunden laufen wir in die Marinas-Bucht an der Ostküste von Ägina ein und lassen dort unseren Anker fallen.
Einem kühlenden Bade im herrlich erfrischenden Wasser schließt sich der erste Landgang an. Dabei können wir gleich das Schlauchboot und den Außenborder (2 1/2 PS !) testen. Der kleine Ort hat durchaus einiges an Tourismus aufzuweisen, und auch die Lokale sind dementsprechend auf die Urlauber vorbereitet. Wir erwischen trotzdem ein recht nettes und geben uns den ersten Querschnitt durch die griechische Küche. Da Gerhard heute seinen 50er hat, übrigens hat er ihn schon mehrere Male gefeiert, gibt es natürlich für ihn ein "Feuerwerk", allerdings nur ein ganz kleines in Form eines Sternspritzers auf einer großen Portion Eis. Beim abschließenden Zusammensitzen im Cockpit kommen wir, obwohl eigentlich alle recht müde sind, dennoch erst morgen ins Bett.
Sonntag, 19. Juli 98
Sieben Windstärken bei unserer ersten längeren Überfahrt! Bernhard und ich wechseln uns am Ruder ab, Sophie und Maria, bereits "hochseeerprobt", sitzen entspannt im Cockpit, sofern dies beim ständigen Abfangen der Wellenbewegungen möglich ist, Gerhard hat sich hingelegt und starrt vor sich, Ewald wird leicht gelblich. Alle werden einigermaßen naß, aber die Sprayhood erspart uns das ärgste.
Die Bucht vor Kap Sounion ist berühmt dafür, daß dort der Anker nicht besonders gut hält, aber nach drei Ankerversuchen hat sich unser Haken doch eingegraben, und als wir sicherheitshalber den zweiten auch noch ausbringen, liegen wir trotz des kaum nachlassenden Windes sicher. Allerdings rotiert unser Beiboot am Heck hinten wie ein Luftballon durch die Lüfte, und dadurch wird der Motor naß! Offensichtlich wird aus dem Landgang vorerst nichts, denn ans Rudern ist bei dem Wind gar nicht zu denken.
Meiner Hartnäckigkeit und unzähligen Startversuchen ist es zu verdanken, daß der "Murl" schließlich doch noch losstottert und bald klaglos läuft. Hektik bricht unter den Crewmitgliedern aus, denn obwohl sich alle darauf eingestellt gehabt haben, an Bord bleiben zu müssen, haben es nun alle eilig: baden, duschen, ab ins Gwand. In einer der beiden Tavernen essen wir recht passabel. Unser Schlauchboot, von uns nur halbherzig an den Strand gezogen, wird von einem Deutschen gerettet, als ein Dampferschwell es ins Wasser zurückzieht. Mit einem halben Liter Retsina als Dankeschön kommen wir günstig davon. Gerhard, in allen Sprachen der Welt gleichermaßen zuhause, verlangt "Six carto visito" und erhält auch prompt die gewünschten Visitenkarten als Souvenir. Dann spazieren wir Richtung Tempel. Manche von uns gehen ganz hinauf, aber weil es für den berühmten Sonnenuntergang ohnehin zu spät ist, schließe ich mich denen an, die es vorziehen, auf halbem Weg stehenzubleiben und dann wieder umzudrehen, um einem Frappé zuzusprechen. Bald kommen auch die "Tempelgeher" zurück: Das Gelände war zwar versperrt, aber sie haben auf der Anhöhe zum Glück auch ein Kaffeehaus gefunden. Auf dem Schiff korrigieren wir zum Ausklang des schönen Tages des Weinverbrauchsdurchschnitt nach oben.
Montag, 20. Juli 98
Der Wetterbericht wird auf Kanal 86 in Englisch und Griechisch gesendet, und es ist mehrmals herauszuhören, daß die Sprecherin von sechs bis sieben Beaufort schwärmt. Als wir die Nase aus der Bucht stecken, merken wir bald, daß sie nicht untertrieben hat, und wir lassen vorerst nur recht wenig Segelfläche heraus. Wir haben daran gut getan, denn bald sind wir auf Windstärke acht, und der Wind ist nie unter 25 Knoten. Aber mit halbem Wind ists kein Problem, wir rauschen mit bis zu acht Knoten durch die recht beachtlichen Wellen. Daß wir ab und zu kräftige Duschen abbekommen, brauche ich wohl nicht zu erwähnen. In weiser Voraussicht haben wir aber das Ölzeug angezogen, und solchermaßen wetterfest gekleidet, tut uns das überkommende Wasser nicht viel, außer daß alles salzverkrustet und verklebt ist
In der Durchfahrt zwischen Kea und Kythnos wird es etwas ruhiger, aber dann gehts dafür erst richtig los, denn wir fahren zuerst ziemlich am Wind und dann östlich von Kythnos vor dem Wind, und das mag ich gar nicht, wenn einen die Wellen so vor sich herschieben. Jeder Fehler des Rudergängers kann sich in der Folge mit einem Querschlagen rächen, und da heißt es, verdammt konzentriert zu steuern. Die Wellenhöhe ist ja sehr schwer zu schätzen, aber eines ist sicher: Die nicht so Segelerfahrenen unter uns werden zum Einstieg gleich mit "vollem Rohr" konfrontiert, und auch Bernie und ich sind ziemlich an unserer Toleranzgrenze angelangt.
Die Einfahrt nach Loutra ist zudem nicht einfach, angesichts der aufschäumenden meterhohen Brandungswellen an den Uferfelsen. Trotzdem landen wir schließlich und endlich problemlos in der Eireni-Bucht südlich der Stadt. Mitten im Ankermanöver winkt der Wirt von der Taverne herunter. Weil wir nicht verstehen, was er uns sagen will, setzt er sich in sein Ruderboot und kommt herüber. Er bietet uns an, daß wir uns an seine Boje legen können, und zu diesem Zweck hängt er sogar sein Fischerboot weg. Auf diese Weise hat er sich sozusagen um zukünftige Gäste verdient gemacht.
Nach der verspäteten Mittagsjause wollen Sophie, Bernie und Gerhard einen Spaziergang in die Stadt Loutra unternehmen, und weil ich Fährmann spielen muß, habe ich währenddessen Gelegenheit, von der Taverne hoch über der Bucht mit Respekt die Brandungswellen zu bestaunen, und - ein Frappé schlürfend - meine Aufzeichnungen zu vervollständigen. Außerdem bin ich hundemüde, denn das Rudergehen war heute wirklich sehr anstrengend. Die Taverne hält beim Abendessen trotz des hübschen Wirtstöchterchens leider nicht ganz das, was wir uns von ihr versprochen haben. Zwar ist Fisch in Griechenland sehr teuer, das wissen wir, aber alles in allem sind wir nicht sehr zufrieden mit dem Preis-Leistungs-Verhältnis. Der süffige Bordwein bringt uns indes anschließend wieder auf erfreulichere Gedanken.
Dienstag, 21. Juli 98
In der Nacht haben die Genuaschoten ständig aufs Deck gedonnert und uns auf diese Weise den Schlaf geraubt. "Und warum haben die Blödmänner die Schoten nicht dichtgeholt?" wird der verständige Leser fragen. "Weil die Genua gestern durch den Winddruck so eng aufgerollt worden ist, daß ein beträchtlicher Zipfel nicht weggerollt werden konnte. Und wenn wir die Schoten angeknallt hätten, wäre der Winddruck von der Seite zu groß gewesen", ist die Antwort auf die Frage des verständigen Lesers. Also ein Schlamassel, das noch dadurch intensiviert wird, daß mich Bernhard um fünf Uhr aus dem ohnehin unruhigen Schlaf wirft, weil unsere Boje abzutreiben droht. Weil auch ich keine Lust habe, auf einem Felsen aufzuwachen, machen wir die Landfeste los, um den seitlichen Druck aufs Schiff zu vermindern. Der Rest der Crew schlummert friedlich weiter, wir beide bleiben aber gleich auf und frühstücken vorerst einmal. Sicherheitshalber lassen wir den Motor an, um schnell reagieren zu können, und als Gerhard aufwacht, steckt er erstaunt den Kopf aus der Kabine und meint: "Ich hab geglaubt, wir fahren schon."
Mit dem Fahren ist es aber heute nicht weit her, denn um neun Uhr wehen uns - zwar ölzeuggewappnet und angegurtet - schon in der Ausfahrt der Bucht 35 Knoten um die Ohren. So drehen wir in Richtung Stadt Loutra. Im Hafen winkt uns jemand längs an einen Schlepper, der dort festgemacht hat und mit seinem "Schleppgut", einem Baggerschiff, wegen des Sturms eine Zwangspause einlegen muß. Sogar im Hafen hat es sieben Windstärken!
So machen wir halt das Beste aus der Situation, und das Beste ist momentan ein Frappé in einem Hafencafé, von denen es glücklicherweise mehr als genug gibt. Wir werden Gelegenheit haben, sie (fast) alle durchzuprobieren. Da der Schlepperkapitän auf meine Frage nach dem Wetterbericht nur mit den Achseln zuckt und "Five oclock" murmelt, werden wir uns auf einen Liegetag in dieser netten kleinen Stadt einzurichten haben.
Ein Schweizer kommt - völlig geschafft - in den Hafen. Er ist von Kea heruntergekommen und wie wir heilfroh, hier einen sicheren Liegeplatz zu finden. Was allerdings nicht so leicht ist, denn der Yachtkai ist - mit vier Schiffen - fast voll, und in die zweite Reihe will ihn der Wiener Tischler, der schon mehrere Tage hier liegt, nicht lassen, weil er Angst um sein Schiff hat. Mit vereinten Kräften bringen wir den Schweizer letztlich doch noch an den Kai.
So haben wir also wie erwähnt genügend Zeit, den Ort und seine Lokalitäten kennenzulernen. In einem Lokal, das von einer recht lustigen Schwarzen geführt wird, erleben wir eine etwas peinliche Situation, denn Gerhard bestellt ausgerechnet hier einen "Lumumba" (einen Kakao mit irgendeinem Schnaps oder Likör), und die Gute meint, er will fragen, ob sie aus dem Kongo kommt, denn sie scheint wirklich von dort zu stammen. Obwohl Ewald den Irrtum aufklärt, kommt mir das Ganze doch etwas prekär vor. Zum Glück ist unsere Afrikanerin aber keineswegs beleidigt.
Das Allerbeste, der wahre Höhepunkt des Tages, folgt aber am Abend: Das Essen in einer der Hafentavernen ist geradezu sensationell, von bisher nie dagewesener Qualität! Und das zu einem mindestens genauso sensationellen Preis! Ewald, der Kontakte zu Griechen besonders liebt und auch sonst keine Gelegenheit ausläßt, hinter die Kulissen zu schauen, kann es nicht lassen, in die Küche zu gehen und der Köchin persönlich für ihre Kochkünste ein Kompliment zu machen.
Als wir in der Nacht noch im Cockpit sitzen, legt - trotz defekter Hafenbefeuerung - auf der anderen Seite des Schleppers, in beängstigender Nähe der Steinaufschüttungen - eine 48er an. Erst morgen werden wir erfahren, daß es sich um einen Berufsskipper handelt, der den Hafen wie seine Westentasche kennt und mit seiner Charteryacht hier schon oft festgemacht hat. Für heute jedenfalls hat er unsere ungeteilte Bewunderung!
Mittwoch, 22. Juli 98
Loutra sieht uns einen weiteren Tag, das steht fest, der Sturm bläst in unverminderter Stärke, auch der Schlepper macht keinerlei Anstalten, seine Arbeit aufzunehmen, die Matrosen vertreiben sich ihre Zeit mit Angeln und Tratschen. Der Anleger von heute nacht legt ab, kommt aber nach einer schwachen halben Stunde zurück herein. Der Charterskipper ist wohl auch froh über einen erzwungenen Ruhetag. Wir nützen die Zwangspause zu einem etwas umständlichen Wasserbunkern über mehrere Schiffe hinweg, aber wenigstens sind die Tanks voll und wir müssen mit dem Wasser nicht mehr so sparsam umgehen.
"Wenn wir schon hier liegen, könnten wir doch einen Landausflug unternehmen!" lautet mein Vorschlag, und da alle zustimmen, sitzen wir - nachdem wir auf dem Fahrplan die "Richtzeiten" für die Abfahrt des Busses ausgekundschaftet haben - im üblichen rumpelnden Gefährt deutscher Herkunft und holpern nach Mericha, dem Haupthafen auf der anderen Seite der Insel Kythnos. Auch hier ist alles bummvoll und kein Mensch denkt ans Auslaufen. Übrigens hat auch unser Schlepperkapitä wie gestern nur die Achseln angehoben und gemurmelt: "Its a problem. Maybe tomorrow."
Mericha selbst bietet so gut wie nichts Nennenswertes, und mit dem 13Uhr-Bus fahren wir wieder "heim" nach Loutra, um dort die nahe Badebucht aufzusuchen. Nun, sie ist nicht so besonders. Trotzdem genießt jeder den Tag auf seine Weise: Der oder die eine hängt in den Lokalen bei Frappé und Buch herum, der oder die andere geht bummeln, Bernie unterhält sich intensiv mit dem Wiener Tischler und entlockt ihm das eine oder andere "ägäische Geheimnis", aber jede/r freut sich aufs Abendessen, denn einen Vorteil hat der erzwungene Liegetag: Wir werden wieder in unserem "Steinmauer"- Lokal essen, und diesen kulinarischen Höhepunkt haben wir ausschließlich dem Sturm zu verdanken.
Ewald und Maria setzen es mit ihrer Hartnäckigkeit schließlich durch, daß die Köchin Anna, die zwar nur Griechisch spricht, mit der sie sich aber trotzdem köstlich amüsieren, dem Kellner ihr "Spezialrezept" für die "kolokitho keftetes" (vermutlich K O L O K I Q W K E F Q E D E S oder so ähnlich) diktiert.
Langsam breitet sich aber bei allen Beteiligten - trotz Annas Kochkünste - der Inselkoller aus, wie sich beim nächtlichen Zusammensitzen im Cockpit unschwer feststellen läßt, und so wollen wir morgen, wenn irgendeine Möglichkeit besteht, in Richtung Siros auslaufen.
Donnerstag, 23. Juli 98
Um sieben legt der Italiener ab, bald nachher tun es ihm die Schweizer gleich. Der junge Engländer liegt schon fünf Tage hier, es schaut auch heute nicht so aus, als wolle er weg, der Wiener hats ohnehin nicht eilig. (Er muß erst am zweiten in Mykonos sein, und für ihn als Einhandsegler ists natürlich derzeit alles andere als lustig draußen.) Um halb neun wollen auch wir es probieren, obwohl der Schlepperkapitän noch immer nicht ans Ablegen denkt. In der Ein- bzw. Hafenausfahrt gibt es noch ziemliche Roller, auch draußen knüppelt es mächtig her. Zu allem Überfluß rauscht uns schließlich noch das Groß aus und muß vom Mast aus gerefft werden. Na, wer wirds schon machen? Schließlich ist ja Erich an Bord...
Wir kämpfen uns bei bis zu neun Windstärken (halbem Wind) gegen Osten, aber knapp vor Siros, um halb zwölf, ist der Wind fast weg, nachdem er vorher sukzessive zurückgegangen ist, wir müssen die letzten paar Meilen sogar motoren! In Finicos im Süden von Siros legen wir uns "arschlings" an den Steg. Gleich mehrere Crews wollen wissen, wies draußen ist, denn auch hier im Hafen hat es bis zu neun Beaufort gegeben. Drei Anlegemanöver müssen wir fahren, weil unser Anker auf dem schlechten Grund nicht auf Anhieb hält, und die von Sophie minutiös bereitete steirische Speckjause haben wir uns redlich verdient.
Im Hafen gibt es nun kaum mehr ein Lüfterl, schnell ist das Sonnensegel montiert, eine Kartenpartie ist angesagt, während Gerhard, unser Chefeinkäufer, auf Erkundungstour geht und bald mit zwei großen Säcken voll Eiswürfeln zur Entlastung unseres Kühlschranks zurückkommt.
Ein mit Feta gefüllter Kalamar läßt mich meine Vorsätze, endlich weniger zu essen, aufgeben. Der anschließende Verdauungsspaziergang in den farblosen Ort tut jedenfalls gut, und ein steirisches Schnapserl, an sich als Manöverschluck in Verwendung, leistet ebenso seinen Beitrag, das Völlegefühl zu beseitigen. Von der Crew unseres Nachbarschiffes, die heute hier ihren Törn beendet hat, erben wir fünf Flaschen Wein, so daß wir uns mächtig ins Zeug legen müssen, unsere Vorräte wieder auf den Sollstand zu reduzieren.
Freitag, 24. Juli 98
Dreimal werden wir in der Nacht "herausgestampert": Zuerst rauscht unsere Genua aus, weil die Klemme schlecht hält, dann rutschen die Fender hoch, und schließlich zupft noch ein Ableger unseren Anker. Dreimal haben Bernie und ich die Probleme aber schnell gelöst. Unser Nachbar zur anderen Seite, ein Schweizer (hier ist eine Unmenge von Schweizern unterwegs), hat einen Navtex an Bord, ein Supergerät, das ständig neueste Wetterinformationen liefert. Für heute sind 5 bis 6 Beaufort vorhergesagt, aber keine Sturmwarnung, also liegt einem Auslaufen nichts im Wege. In der Nacht hat es nämlich wieder mächtig geblasen, und die Verzagteren unter uns haben sich innerlich schon auf einen neuerlichen Ruhetag eingestellt.
So aber verspricht die Vorhersage Genußsegeln nach Siphnos, und so ist es dann auch. Wir versuchen zuerst die Bucht im äußersten Norden, doch hier gefällt es uns nicht und wir fahren weiter zum Haupthafen, etwa in der Mitte der Insel. Leider ist alles voll, und so bleibt uns nichts anderes übrig, als in die Vathi-Bucht im Süden weiterzufahren; Zeit haben wir ja genug. Um halb fünf liegen wir sicher an zwei Ankern in der tollen Badebucht, die immerhin genügend Infrastruktur für ein Frappé, kleine Einkäufe und ein Abendessen aufweist.
Mit dem Radiergummi bringe ich Gerhard an den Strand, damit auch er - dem Wasser als nicht sehr sicherer Schwimmer sonst eher abhold - sich dem Badevergnügen hingeben kann. Ich setze mich unterdessen in ein Lokal direkt am Strand, als mich köstlicher Duft vom Nebentisch von meinem Buch aufblicken läßt. Die beiden jungen Griechen tragen mir sofort eine Kostprobe von der Quelle des Dufts an, sogenannten Tirokeftés, und ich weiß schon, was ich zum Abendessen als Vorspeise bestellen werde.
Das Abendessen ist ein Kapitel für sich: Wir kosten alles durch, was an Vorspeisen angeboten wird, und das ist fürwahr nicht wenig. So sind wir schon vom ersten Gang fast für die Hauptspeise zu satt, von der Nachspeise - Baklava - gar nicht zu reden.
Samstag, 25. Juli 98
Verhältnismäßig früh brechen wir heute auf, denn Serifos, das Ziel des heutigen Schlags, liegt ziemlich nördlich, und da wollen wir mit dem Motor Höhe machen, solange es noch einigermaßen ruhig draußen ist. Vorher gibts noch Ankersalat, denn wir fangen mit dem einen Anker unseren eigenen zweiten. Das Problem ist aber bald bereinigt, und so motoren wir los. Die Motorfahrt ist vom Windglück begünstigt, denn vorerst gibt es fast keinen, und wir kommen flott voran.
Erst die letzten paar Meilen vor der langgezogenen Hafenbucht von Levadi erwischt es uns, und ohne Sprahood wären wir wohl ziemlich naß geworden. Leider ist die Mole voll belegt, unser Anker will und will nicht halten, und so machen wir, was das Hafenhandbuch als drittes vorschlägt: Wir legen uns außen mit Buganker und Landfesten an den Wellenbrecher. Mit einer Winddrehung ist ohnehin nie und nimmer zu rechnen. Mit dem Schlaucherl können wir wie mit einem Lift hin- und herfahren.
Ewald und Maria betätigen sich als schwimmende Boten und bringen die Leinen zum Land aus. Bei dieser Gelegenheit zerschneiden sie sich an den scharfen Steinen ordentlich die Fußsohlen und lernen daraus, daß es nicht unbedingt ratsam ist, ohne Badeschuhe auf schroffen Steinblöcken herumzuklettern. Unser Schiff liegt dafür trotz der mit sechs Windstärken über uns hinwegfegenden Böen völlig sicher, und die Schnitte verheilen glücklicherweise recht bald.
Trotzdem wird der Landgang vorerst in zwei Dreierteams unternommen: Bernhard und Sophie machen sich über die "Eselstreppe" an den mühevollen Aufstieg zur Chora, der Hochstadt, wohingegen Gerhard den Anstieg mit dem Bus etwas leichter bewältigt. Nach ihrer Rückkehr sind Ewald, Maria und ich dran, aber wir pfeifen auf die Chora und bummeln lieber durch die Ortschaft am Hafen und üben, obwohl gar nicht Winter ist, den "Einkehrschwung". Weil ständig Fähren ankommen und sich die Massen am Fährpier drängen, schauen wir auch dort einen Sprung vorbei, um uns das bunte Treiben anzuschauen. "Was sind Sie geworden beim Austria-Cup 91?" fragt mich plötzlich jemand. Ich habe nämlich ein altes Austria-Cup-Leiberl an. "Weiß nicht, aber was Besonderes nicht, irgendwo im Mittelfeld", meine ich. "Ich war damals Letzter", hält mein Gegenüber, ein alter Salzburger Seebär, mit verschmitztem Lächeln entgegen. Er hat hier die Crew gewechselt und liegt mit seinem Eignerschiff, einem alten Kahn, der sicher schon allerhand erlebt hat, hier im Hafen.
Sonntag, 26. Juli 98
"Halb sieben, ich mag jetzt eigentlich den Ablege-Streß nicht, ich haue mich wieder hin!" Das denke ich mir, als ich aus der Koje krabble, einen Blick ins Cockpit werfe und über mir mächtig der Wind drüberbläst. Dasselbe denken offenbar auch die anderen, denn als ich um dreiviertel neun wieder aufwache, ist es schon fast zu spät für den 50Meilen-Schlag, den wir für heute vorgehabt hätten. Also bleiben wir noch einen Tag in Serifos und machens uns hier gemütlich. Bei der Gelegenheit können wir Fehlendes nachbunkern, klar Schiff machen und ausreichend faulenzen.
Als unser übernächster Nachbar ablegt, zupft er den Anker unseres Nachbarn, und weil die einen Taucher an Bord haben, der nach dem Anker schaut, winke ich ihm, er soll gleich auch kontrollieren, wie unser Haken liegt. Wir geben ihm dafür eine Flasche (geschenkten Weiß-)Wein hinüber, und wenig später bringt er uns dafür vier Fische als Gegengeschenk, die er (mit der Harpune) erjagt hat. Im Verein mit Pellkartoffeln und Gorgonzolaaufstrich schmecken die vier Flossentiere ausgezeichnet. Leider bekommen Maria und Ewald, die sich selbständig gemacht haben und sich irgendwo auf einem Badestrand räkeln, nichts davon ab, aber: So ist einmal das Leben ...
Heute haben wir uns vorgenommen, alle gemeinsam zur Chora hinaufzufahren, und wir bereuen es nicht: Es ist zwar so gut wie nichts los da oben, aber allein die Fahrt zum malerisch an den Hügel geschmiegten Städtchen mit einem Bus, der kaum schmäler ist als die Straße, ist ein Erlebnis. Zu Fuß steigen wir über die Treppen zu den beiden Kirchen, die unweigerlich am höchsten Punkt stehen, und der Ausblick lohnt zweifelsohne die Mühen des Aufstiegs. Und weil uns der Salzburger gestern einen Tip gegeben hat - "Das Lamm in Weinsoße von Petros ist ganz ausgezeichnet!" - landen wir noch bei Petros und können dem Salzburger nur recht geben.
Eigentlich war es unsere Absicht, heute früh schlafen zu gehen, weil wir morgen zeitig ablegen wollen, und es wird auch früh, aber in die andere Richtung.
Montag, 27. Juli 98
Um halb sieben legen wir mit gekonntem Manöver vom Wellenbrecher ab, und ein Segeltag liegt vor uns, wie er schöner nicht sein könnte: Fünf bis sechs Beaufort am Wind, kaum mehr als zwei Beaufort Seegang, herrlichster Sonnenschein! So zischen wir mit unserer Evelin G. nur so dahin, zu unserem Tagesziel Hydra! Die Ägäis und der Meltemi machen alles wieder gut, was sie an den vergangenen Tagen verbockt haben! Bernhard und ich können segeln nach Herzenslust, auch die anderen genießen den Segeltag aus vollen Stücken.
Hydra ist ein entzückendes Hafenstädtchen, das nicht umsonst in allen Führern und Handbüchern hochgelobt wird. Wir haben Glück und erwischen den letzten Platz in der ersten Reihe, aber nach uns beginnen "Hafenfestspiele" allererster Klasse. Ich sags ja immer: Hafen ist weit schöner als Fernsehen! Wiederholte Anlegemanöver, Ankersalat, ein "Buserer" nach dem anderen, aufgeregtes Geschrei, kurz: Es gibt nichts, was man in einem überfüllten Hafen nicht miterleben kann. Und außerdem muß es auch einmal gesagt werden: Ich kann die neidvollen Blicke der "normalen" Urlauber durchaus genießen, wenn ich so an einem kühlen Getränk nippend und ein Zigaretterl schmauchend im Cockpit lümmle und dem Touristenstrom zusehe, der am Kai vorüberzieht. Und Hafencafés gibts hier, zahllose, sag ich nur ...
Hydra wimmelt natürlich nicht nur von Touristen, sondern in den netten Gäßchen gibt es auch eine Unmenge von Andenkenläden, Schmuckgeschäften ... Als ich gleich den anderen einige kleine Mitbringsel kaufe, passiert mir folgendes: Ich zahle ein paar Hundert Drachmen, und der Verkäufer sagt höflich: "Thank you very much!" - "Very much is to much", entgegne ich. "No, Sir, the price is not important! That you come to us, this is important!" Und nach einer kleinen Pause: "And maybe, you come back to Greece!" Ich wollte nur, unsere Geschäftsleute würden manchmal auch mehr so denken.
Obwohl wir eigentlich gedacht haben, daß die Rechnung fürs Abendessen hier ziemlich "geschmalzen" sein würde, werden wir angenehm überrascht: Nicht nur, daß man uns bereitwilligst in die Küche bittet, um das riesige Speiseangebot durchzuschauen; nein, man ist äußerst nett und entgegenkommend, und wir zahlen keineswegs mehr als sonst.
Dienstag, 28. Juli 98
Eine Sensation: Es gibt Wasser, obwohl im Hafenhandbuch das Gegenteil steht und man mir auch mündlich eine Negativauskunft erteilt hat. Die zweite Sensation: Wir legen ab, ohne einen einzigen Anker zu fangen!
Nur mit dem Vorsegel dümpeln wir vor dem Wind die paar Meilen zum heutigen Reiseziel, der Skintos-Bucht auf dem Inselchen Dhokos westlich von Hydra. Was soll ich sagen: eine Traumbucht, Traumwasser, Traumwetter, Traumhimmel, Traum...
Und am Abend stellen wir einen neuen "internen Weinrekord" auf.
Mittwoch, 29. Juli 98
Heute regt sich kein Lüftchen, das Wasser ist ölig und völlig glatt. Adria, schau oba! Der saronische Golf ist halt doch nicht mehr die Ägäis. Wenigstens haben auch die Nichtsegler unter uns Gelegenheit, Ruder zu gehen, denn beim Motoren ist es nicht einzusehen, daß nur Bernie und ich uns beim Rudergehen abwechseln. Man spürt wirklich nur den Fahrtwind, es ist fast unerträglich heiß, der Flüssigkeitsbedarf ist enorm. Unterwegs legen wir sogar einen Badestop ein, und das Wasser hat 28 Grad! (Vor der Einfahrt von Epidauros später hat es dann sogar 30 Grad!) Unterwegs kommt aber dann doch ein wenig Wind auf, wir segeln einige Meilen, ehe wir vor Epidauros die Segel wieder bergen.
Als wir dann an der Dampfermole festliegen, ist der Weg ins nächste Kaffeehaus weniger wegen des obligaten Frappés ein Muß; noch wichtiger ist fast das Eiswasser, das dazu gereicht wird. Darauf bummle ich gemeinsam mit Gerhard ein wenig durch den Ort. Wir kommen auch an der auf der Zunge der Halbinsel errichteten girechisch-orthodoxen Kirche vorbei. Sie ist zwar geschlossen, aber hinter der Kirche befinden sich die Gräber der Popen, die hier ihren Dienst versehen haben, und wir glauben, nicht recht zu sehen: Oberhalb der Grabplatte befindet sich ein länglicher, verglaster Kasten, der eigentlich für Kerzen vorgesehen ist, und irgendein Scherzbold hat neben die Kerzen und Blumen fein säuberlich eine Bierflasche und eine Coladose hineingestellt.
Natürlich waren auch die anderen spazieren, und das Duo Ewald-Maria hat ein tolles Lokal ausfindig gemacht. Wir sitzen beim Abendessen mitten unter prall gefüllten Orangenbäumen, und auch das Kulinarische kann sich am Optischen durchaus messen. Wie in allen anderen Touristenorten erwacht das Städtchen erst jetzt am Abend aus seiner Lethargie, und man merkt erst jetzt, wie viele Leute hier ihren Urlaub verbringen.
Donnerstag, 30. Juli 98
Wenn man schon in Epidauros ist, ist es eigentlich selbstverständlich, daß man das berühmte Theater, nur etwa 15 Kilometer entfernt, aufsuchen muß. Mit einem Taxi fahren wir in zwei Partien zu der antiken Stätte. Ein großer Parkplatz mit mehreren Bussen erwartet uns, durch gepflegte Anlagen "schreiten" wir zur Besichtigung. Die Menschen aus den Bussen verklauben sich geradezu in dem riesigen Halbrund des Theaters. 14 000 Menschen haben hier Platz! Und das in einem entlegenen Winkel von Argolis! Ich frage mich, wie die damals, vor zweieinhalbtausend Jahren, dieses riesige Theater gefüllt haben, noch dazu, wo nur Männer zusehen durften. Oder war das nicht in Sparta anders? Vielleicht haben sie den Frauen nur mehr Rechte eingeräumt als die Athener, damit sie ihr Theater vollbekamen?
Ein Theatergruppe, übrigens lauter Frauen, spielt einen griechischen Klassiker auf Holländisch. Dann führt die Führerin einer Reisegruppe die Akustik vor. Sie stellt sich in die Mitte der Bühne und klatscht in die Hände. Das Geräusch ist in voller Lautstärke bis in die letzte Reihe hinauf, wo wir sitzen, zu hören. Auch das Zerreißen eines Blattes Papier kann man noch deutlich vernehmen, und ich glaube, wenn die anderen Besucher nicht einen derartigen Wirbel gemacht hätten, hätte man auch das Anreißen des Zündholzes gehört.
Beim anschließenden Besuch des Museum sehen wir jede Menge Tempelreste und ausgegrabene Steine und Statuenfragmente. Auch das Vorbild für alle späteren korinthischen Säulen von Polyklet ist ausgestellt. Hier war ja auch eine Weihestätte des Asklepios; angeblich mit Heilschlaf, wohl einer Art Hypnose, hat man hier die Kranken behandelt. Den Rundgang durch die Ruinenstätten ersparen wir uns aber; ohne fachkundige Führung sind Ausgrabungen ohnehin ein Flop.
Nach der Kunst kommt wieder der Alltag, das heißt, wir machen uns zum Ablegen bereit. Vor uns liegen nur fünfzehn Meilen, wir haben genug Zeit für eine Badepause unterwegs. Vor der kleinen Insel Angistri finden wir einen wunderbaren Ankerplatz, wo wir uns mit Buganker und Landfeste für ein paar Stunden anhängen. Das Wasser ist wie schon erwähnt herrlich warm, so daß auch ich, bei kühleren Wassertemperaturen kein besonders intensiver Schwimmer, ausgiebig umherplansche. Es ist doch irgendwie erfrischend zu sehen, welch kindliches Gemüt sich manche soignierte ältere Herren beim Plätschern im 28 Grad warmen Wasser erhalten haben. (Ich will ja keine Namen nennen, nicht wahr, Ewald?) Obwohl es sogar ein kleines Lokal gäbe, bleiben wir alle beim Schiff und machen es uns hier gemütlich, woraus zu ersehen ist, daß es sehr gemütlich ist, denn sonst hätte ich wohl kaum auf mein Frappé verzichtet. Jedenfalls werden die Karten gedroschen, und beim "Wurln" müssen wir sogar ein Zeitlimit ansetzen, sonst wäre die Partie wohl ins Endlose weitergegangen.
Allerdings wird das Frappé bald nachgeholt werden können, denn wir wollen ja nach Ägina, die "Hauptstadt" der gleichnamigen Insel, doch als wir dort einlaufen, sehen wir den Hafen schon voll. Weiterfahren oder in die zweite Reihe legen? Bernie tendiert eher zum Weiterfahren, ich bin für die zweite Reihe, und weil die Mehrheit der Crew lautstark "Dableiben" fordert, hängen wir uns zwischen die Büge zweier anderer Schiffe. Ausgesprochen nette Holländer sind uns beim Anlegen behilflich. Kaum liegen wir fest, laufen noch mindestens zehn Yachten ein und machen es uns nach. Schließlich kommt es sogar noch eine dritte Reihe zustande, und wenn jetzt ein Sturm käme, wäre hier der Teufel los. Es wird aber keiner losblasen, schließlich sind wir im Saronischen Golf, und der ist, wie wir wissen, nicht mehr die Ägäis.
Wie Hydra ist auch Ägina-Stadt ein ausgesprochener Touristenort, und dementsprechend groß ist auch die Zahl der Andenkenläden und Lokale. Da wird es schwer sein, eine unseren Bedürfen angepaßte Taverne fürs Abendessen zu finden, denn die typischen Touristenlokale wollen wir eigentlich wie immer meiden. In der zweiten Reihe finden wir schließlich doch eines, das unseren Vorstellungen entspricht und mit dem wir auch zufrieden sind.
Freitag, 31. Juli 98
Ich habe gestern dem Saronischen Golf unrecht getan, denn auf vier Windstärken bringt ers immerhin, als wir von Ägina in die Marinas-Bucht fahren, wo wir schon am ersten Tag unseres Törns gewesen sind. So ist sogar am letzten Törntag tolles Segeln angesagt, und wir brausen mit Vollzeug dahin. In der Marinas-Bucht folgt bei einem Gyros-Stand ein köstliches "Mittagsjauserl" mit Gyros, Soufflaki und Retsina, dann wird noch gebadet und schließlich gepackt. Mir bereitet das Packen ja ohnehin die geringsten Schwierigkeiten, denn ich lebe meistens "aus der Tatsche", und da dauert das Packen dann kaum fünf Minuten.
Um dreiviertel vier setzen wir zum letzten Schlag an, wir sind auf Gegenkurs dem von vor zwei Wochen, als wir von Kalamaki hierher gefahren sind. War bei früheren Törns oft am letzten Tag schon irgendwie "die Luft draußen", so hat man diesmal keineswegs den Eindruck: Allen machts noch mächtig Spaß, keiner nörgelt herum, daß schon alles vorbei ist, niemand bläst Trübsal. Im Kalamaki-Hafen wartet man schon auf uns, wir legen - wie könnte es auch anders sein - mustergültig an, das wärs dann fast gewesen.
Aber nur fast, denn nach dem Duschen wollen wir noch nach Athen fahren, und allein die Fahrt dahin ist Abenteuer genug. Zuerst stehen wir einige Zeit an der Bushaltestelle und haben keine Ahnung, welcher unser Bus wäre. Zwei fahren vorbei. Dann kommt ein Fräulein, spricht zwar kein Englisch, hält aber wenigstens durch heftiges Winken den nächsten Bus auf. (Hätten wir auch wissen müssen, daß man in Griechenland dem Bus winken muß.) Natürlich fahren wir "schwarz", denn woher hätten wir Vorverkaufskarten nehmen sollen? Gerhard bringt unterwegs in Erfahrung, wo wir aus- und umsteigen müssen, denn der Bus fährt nach Piräus, und wir wollen ins Zentrum. Ein alter, hilfsbereiter, ziemlich besoffener Typ deutet uns, ihm zu folgen, und wir landen bei der Schnellbahn, die uns ins Zentrum bringt, diesmal sogar mit Fahrschein.Nun, jetzt ists keine Kunst mehr, die Plaka, die Altstadt mit ihren engen Gäßchen und vielen, vielen Geschäften zu finden. Wir bummeln, zwischendurch mit Blick auf die Akropolis, eine Weile durch die besagte Plaka, dann setzen wir uns in ein Lokal und essen zu Abend. Zwar sehen wir kaum, was wir da zu uns nehmen, denn die Beleuchtung ist ein Witz, aber es schmeckt jedenfalls gut. Langsam wirds Zeit für den Rückweg, und bis zum Sportzentrum, wo wir die Schnellbahn wieder verlassen müssen, gehts auch ganz leicht. Im riesigen Oval des Sportzentrums aber findet gerade ein Basketball-WM-Spiel statt, und wehe uns, wenn das aus ist, bevor wir unseren Bus gefunden haben. Nachfragen wegen der Haltestelle bei verschiedenen Polizisten ergeben a) daß sie nicht von hier sind, sondern nur wegen der Sportveranstaltung hier eingesetzt werden, b) selber nicht wissen, wo die Haltestelle ist, c) schließlich - auf Nachfrage bei anderen Kollegen - doch einer vermutet, "die da drüben" könne es sein. Beim dritten oder vierten Bus werden wir "fündig", der Fahrer behauptet, es sei der richtige Bus nach Kalamaki. O Wunder, er ist es, wir erreichen Kalamaki. Allerdings nicht ohne vorher einen unangenehmen Zwischenfall erlebt zu haben, denn eine Horde etwa 14jähriger Buben bedrängt Ewald, und schon spürt er eine Hand in seiner Hosentasche. Der Bursche "erntet" allerdings nichts, das Geldbörsel steckt zu fest. Als sie sich dann erfolglos an Bernhard herandrängen, ist dieser gewarnt, und sie steigen bei der nächsten Haltestelle aus, uns irgendwelche Zeichen des Protestes nachdeutend.
Solchermaßen noch einmal ungeschoren davongekommen, setzen wir uns ins Cockpit und machen uns über die Vernichtung unserer letzten Getränke her. Ganz schaffen wirs nicht, das Schiff "leerzutrinken", aber fast.
Samstag, 1. August 98
Die Schiffsübergabe um neun Uhr dauert kaum länger als vor zwei Wochen die Übernahme. Außer der defekten, von mir mit Superkleber notdürftig reparierten Bilgepumpe funktioniert auch alles, das Schiff ist o.k., war es auch während des gesamten Törns. Jetzt haben wir bis Mittag Zeit, die wir irgendwie "totschlagen" müssen. Bernhard und ich schauen uns stundenlang Schiffe in der riesigen Marina an. Besonders die großen "Atlantic" haben es uns angetan, und vermutlich wird der nächste Ägäistörn wohl auf einem derartigen Schiff stattfinden.
Die anderen (und später auch wir) sitzen im Marinacafé und "wurln". Um zwölf kümmere ich mich dann um Taxis und treibe auch bald zwei auf, die uns zum Internationalen Airport bringen. Entweder ist die Abflughalle neu, oder ich habe sie vom letzten Athen-Abflug anders in Erinnerung, jedenfalls ist es hier bei "air condition" sehr angenehm. (Im Vorjahr sind wir ja mit "Olympic" geflogen, und die haben einen eigenen Flughafen.)
Wir können gleich einchecken, und die restliche Zeit verbringen wir im Transitwarteraum oder im "duty free-shop". Wenigstens aus den EU-Ländern darf man eine Stange Zigaretten mitbringen, und so horten die einen, die Raucher, Zigaretten, die anderen, die Nichtraucher, Alkoholisches.
Mit nur einer Viertelstunde Verspätung (man merkt, ein Linienflug und kein Charter) heben wir ab, der Flug verläuft ruhig und angenehm. In Wien verabschiedet sich Gerhard, wir anderen fliegen mit der Tyrolean nach Graz weiter. Auch der Weiterflug geht glatt, man findet kaum Zeit, seine Jause zu essen, und schon sind wir am Thalerhof.
Während die anderen abgeholt worden sind und sich verabschiedet haben, habe ich zu Hause angerufen und warte, bis Christa kommt, im Flughafenrestaurant bei einem österreichischen "Verlängerten". Ein junges Pärchen, das mir gegenübersitzt, macht seinen ersten Auslandsurlaub und ist recht aufgeregt. Mit großen Augen bestaunt der junge Mann meine Bräune und erkundigt sich, wo ich gewesen bin. Als ich ihnen auch noch über Corfu, ihr Reiseziel, Auskunft geben kann, meint das Mädchen: "Sie kommen aber ganz schön viel herum!"
Dem will ich nicht mehr viel hinzufügen...
... außer, daß der Ägäis-Törn 98 alles das gebracht hat, was ich mir erwartet habe,
... und daß ich mich schon auf den nächsten Törn freue.